Was macht eine Lebenserinnerung zu einer lesenswerten Lektüre?

Gehen wir davon aus, dass Sie nicht zu den bekannten Persönlichkeiten zählen und Ihr Verlag schon gespannt auf Ihr Manuskript wartet. Sie wollen ganz einfach für die nachfolgenden Generationen Ihre eigene Lebensgeschichte und die familiären Wurzeln festhalten. Sie schreiben also für Ihre Kinder, Enkelkinder und alle, die noch danach kommen mögen. Ihr Leserkreis wird damit zwar klein, aber dafür umso interessierter sein. Auch dankbar, tief berührt, fasziniert und zweifellos nachsichtiger was Ihre schriftstellerischen Qualitäten anlangt.

Legen Sie sich die Latte also nicht zu hoch und scheitern Sie nur ja nicht an Ihren eigenen Ansprüchen!

6 Tipps für Ihre Biografie

Rhythmuswechsel sorgt für Spannung

Sie werden sich wahrscheinlich für eine chronologische Erzählweise entscheiden. Zwei Gründe:

  1. Etwas im Zeitablauf zu erzählen, ist für Sie als AutorIn weniger anspruchsvoll als eine in sich verschlungene Geschichte.
  2. Sie erleichtern es auch Ihren LeserInnen, dem Erzählstrang zu folgen, der sicherlich eine Reihe an Namen, Orte und Jahreszahlen enthält.

Doch ein wenig den Rhythmus zu wechseln, also einzelnen Ereignissen sehr viel Raum zu geben und über andere Abschnitte großzügig hinwegzugehen, wirkt belebend und schwungvoll.

In Kapitel und Abschnitte gliedern

Den Erzählrhythmus zu wechseln wird Ihnen besonders leichtfallen, wenn Sie Ihr Leben in Kapitel und Abschnitte aufteilen. Dazu gibt es verschiedene Methoden. Bei der Kärtchenmethode bereiten Sie Kärtchen in zwei verschiedenen Farben vor. Die aus Ihrer Sicht großen Kapitel notieren Sie auf die blauen Kärtchen (z.B. Ferien bei den Großeltern) und legen diese vor sich auf. Dazu passende Abschnitte vermerken Sie auf den grünen Kärtchen (Großmutters Leitsätze, Heuernte, …) und ordnen diese übersichtlich auf Ihrer Arbeitsfläche. Jeder Gedanke ist bei diesem Prozess wertvoll, lassen Sie keinen davonziehen, besser rasch auf das passende Kärtchen kritzeln.

Pausen sind wertvolle Partner in diesem Prozess, es können auch ganze Tage sein, bevor Sie wieder neu auf die Kärtchen blicken. So gelangen Sie relativ rasch zu einer inhaltlichen Gliederung, was aber nicht bedeutet, dass sie nicht lustvoll jene Abschnitte zuerst beschreiben, die Ihnen besonders leicht von der Hand gehen.

Der berühmte erste Satz

Ihre Biografie muss nicht mit Ihrem Geburtsdatum und Geburtsort beginnen, auch nicht mit dem Ihres Vaters oder Großvaters. Die Einleitung, also wie Sie Ihre LeserInnen in die Geschichte einführen, sollten Sie vielleicht gar nicht zu Beginn schreiben. Meist fliegt Ihnen diese Idee im Laufe des Schreibens einfach zu, also warum lange vor der leeren Seite sitzen, wenn eine ganz andere Episode sehr viel leichter fällt.

Das Vorwort als Begegnung der Herzen

An dieser Stelle ein großes Plädoyer für ein Vorwort! Verzichten Sie nicht auf die klärenden, berührenden Worte zum Einstieg, bevor Sie den Leser/die Leserin in Ihre Geschichte eintauchen lassen. Was hat Platz in einem Vorwort? Einige Beispiele: Motivation und Beweggründe erklären, Leserkreis adressieren, auf den Schreibprozess zurückblicken, die Herausforderungen schildern, seine Gefühle äußern. Als Leitidee für das Buchprojekt schreibe ich das Vorwort tatsächlich zu Beginn, doch es ist nicht mehr als ein Gerüst. Die eigentlichen Worte von Herz zu Herz formen sich meines Erachtens erst nach Fertigstellung der Lebensgeschichte.

Mit allen Sinnen erzählen

Berührende Geschichten entstehen dann, wenn sie der Leser nachempfinden kann. Natürlich neigen wir dazu, weit zurückliegende Ereignisse mit emotionaler Distanz zu beschreiben, doch packende „Stories“ entstehen so nicht. Fühlen, schmecken, riechen, sehen, hören – versuchen Sie sich an Ihre Erinnerungen über diese Sinne heranzutasten. Auch Dialoge sollten in Ihren Schilderungen nicht fehlen. Je klarer Sie die Situationen und auch Ihre Gefühle schildern, desto leichter findet Verständnis und Identifikation auf Seiten Ihrer Leserschaft statt.

Einordnen in einen größeren Kontext

Es ist eine überschaubare Aufgabe den politischen Hintergrund herzustellen, in dem sich die Geschichten von Menschen einordnen lassen. Weltkrieg I und Weltkrieg II – Aufbauarbeit  – Staatsvertrag 1955 – Ölkrise 1972 – Beitritt zur EU 2010. Vieles lässt sich online anhand einer Vielzahl von Quellen recherchieren. Spannender ist fast der gesellschaftliche Hintergrund. Mit Ihren Erzählungen aus dem Alltag mehrerer Lebensjahrzehnte bringen Sie Ihre Nachfahren näher an frühere Lebensformen heran als es jedes Geschichtsbuch vermag. Hier einige Vorschläge: Betreuung von Kindern, Kindererziehung, Bildungs- und Schulsystem, Rollenwandel der Väter und Mütter, Arbeitsbedingungen, Kochen und Ernährung, Alltags- und Luxusgüter, Wertewandel, …

Gerade Ihre Erkenntnisse, die Sie aufgrund Ihres Alters so wunderbar im Rückblick aufarbeiten können, sind wertvoll und interessant für Ihre Nachkommen.

Nochmals alle Punkte im Überblick:

  • Rhythmuswechsel sorgt für Spannung
  • Kapitel und Abschnitte für den roten Faden
  • der berühmte erste Satz
  • das Vorwort als Begegnung der Herzen
  • mit allen Sinnen erzählen
  • Einordnen in einen größeren Kontext

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