Statt Autobiografie eine Sammlung von Kurzgeschichten

Linz, Sommer 2020. Kein Lockdown weit und breit, erfreulich niedrige Fallzahlen. Wir erlauben uns, in familiärer Runde zu einem ausgedehnten Frühstück zusammenzukommen. Spontan ergibt es sich, dass wir noch eine Besucherin aus Südtirol willkommen heißen dürfen. Wie es so ist beim Kennenlernen, fragt mich Maria-Luise, was ich denn beruflich mache und gerne gebe ich Auskunft.

Unser Gast ist höchst angetan von meinen Lebensbildern, stelle ich erfreut fest. Mit bescheidenem Blick erzählt sie mir: „Ich arbeite gerade gemeinsam mit meiner Mutter an einem Buch. Aber sie weiß davon nichts, es wird eine Überraschung.“ Das klingt ja interessant! Ich will sofort alles darüber wissen und bekomme an diesem Sonntagmorgen eine bezaubernde Buchidee präsentiert, die ich Ihnen nicht vorenthalten möchte.

Autorin, ohne selbst zu schreiben

Ich erfahre, dass Maria-Luise ihre 86-jährige Mutter regelmäßig einmal wöchentlich besucht. Unter den sechs Geschwistern ist ein kontinuierlicher Besuchsrhythmus vereinbart worden, damit die Mutter täglich Kontakt mit einem ihrer Kinder hat. Seit einigen Wochen nützt Maria-Luise ihren Besuchstermin dafür, dass die alte Dame eine Geschichte aus ihrem Leben erzählt und diese gemeinsam aufgeschrieben wird. Jede Woche eine einzelne, in sich abgeschlossene Geschichte, so wünscht es sich die Tochter. Sie haben vielleicht bereits eine Ahnung, wie es weitergeht!? Maria-Luise tippt daheim die Erzählungen und feilt noch ein wenig an den Texten. Weihnachten will sie mit dem gedruckten Buch fertig sein: eine Sammlung von Kurzgeschichten aus Mutters Leben.

Geschichten sammeln und erzählen

Ich bin begeistert! Ich stelle mir vor, wie die alte Dame laufend an einer neuen Geschichte tüftelt. Wie sie sich überlegt, ob die eine Begebenheit interessanter ist als eine andere. Wie sie sich aus ihren Gedächtnisspuren noch einige Details hervorkratzt, sich schnell einen Stift zur Hand nimmt und in ihrem Notizbuch einen Namen oder einen Ort notiert. Ich stelle mir vor, wie Maria-Luises Mutter beim Mittagessen sitzt und einer befreundeten Heimbewohnerin (keine Ahnung, warum ich sie im Altersheim sah) schon mal vorweg die Geschichte erzählt – erste Generalprobe sozusagen. Dann dem Betreuungspersonal – zweite Generalprobe. Und am herbeigesehnten Erzähltag endlich Maria-Luise selbst. Ich stelle mir vor, wieviel Verbindung zwischen den beiden Frauen bei ihren Zusammenkünften entsteht – in die Augen schauen, erzählen, fragen, zuhören. Geduldig warten, bis das passende Wort gefunden wird, weil einfach manche Wörter mit 86 Jahren nicht mehr so leicht greifbar sind. Ich stelle mir die besondere Stimmung zu Weihnachten vor, wo sich die gesammelten Geschichten liebevoll und sorgsam in einem Buch präsentieren.

Ja, so lief das alles in meinem Kopf mit verschiedenen Szenen vor Augen und einem wohlig-freudigen Gefühl im Herzen ab.

Von der Idee zur Umsetzung

Maria-Luise und ich haben uns nach unserer ersten Begegnung im Sommer leider nicht mehr gesehen. In den Weihnachtsferien wanderten meine Gedanken immer wieder zu ihr. War der Erzählband tatsächlich fertig geworden, fragte ich mich? Ich organisierte mir über zwei Ecken ihre Kontaktdaten. Dann trafen wir uns über Zoom und tauschten uns angeregt aus.

Zunächst erfuhr ich, dass ihre Mutter Susanna nicht im Heim lebt, sondern nach wie vor auf ihrem Hof gemeinsam mit der Familie ihres jüngsten Sohnes. Die Besuchsnachmittage waren den gesamten Herbst wie im Nu verflogen, erzählte Maria-Luise. Neben vielen anderen, oft organisatorischen Dingen, hatte man kaum Zeit für die Geschichten gefunden. Immerhin: Gerade noch rechtzeitig und mit Hilfe von Enkelin Deborah entstand ein spiralisiertes Heft im A5-Format, gewidmet Susannas Kindern, Schwiegerkindern und Enkelkindern. Auch ich bekam ein Exemplar – danke! – und tauchte ein in das Leben einer jungen Magd in den Südtiroler Bergen. Meine Lieblingsgeschichte: Besoffener Fock.

Selbst die kleine Fassung war bereits ein schönes Stück Arbeit gewesen, wurde mir erzählt. Dennoch: Das Schreibprojekt wird 2021 fortgesetzt, Susanna hat noch einige Geschichten im Kopf.

Dranbleiben!

Ja, das kann ich gut nachvollziehen, wieviel Aufwand sich hinter einem solchen Familiengeschenk verbirgt. Die Wegstrecke vom Audiofile (falls man nicht zeitgleich das Erzählte tippen will) bis zum Transkript bis zur lesbaren Kurzgeschichte nimmt viel Zeit in Anspruch. Die Kurzgeschichten zu ordnen und Übergänge zu schaffen verlangt einem auch einiges ab, und so manches Ereignis will auch mit Daten, Zahlen, Fakten belegt werden. Zu guter Letzt warten noch die Gestaltung des Buchcovers und der Manuskriptseiten auf einen.

Der Mühsal Lohn: Ein einzigartiges Buch mit den Lebenserinnerungen eines besonderen Menschen, welches die Generationen überdauert und in dem stets mit Andacht und Vorsicht gelesen und geblättert wird.

Erlauben Sie mir noch zum Abschluss diese kleine Werbeeinschaltung: Falls Sie mitten im Projekt stecken bleiben sollten, dann könnten Sie sich doch Hilfe holen! Zum Beispiel innerhalb der Familie oder – hier die Werbung: Sie rufen mich an. 😊

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